Abstrakt
Tämä pro gradu-tutkielma vertailee Suomessa vuonna 1998 tuotettuja saksankielisiä matkailuesitteitä vastaaviin suomenkielisiin sekä samana vuonna Saksassa tuotettuihin ja etsii vastauksia seuraaviin kysymyksiin: mikä on kääntäjän tehtävä teoriassa ja käytännössä ja kuinka hyvin hyödynnetään ammattikääntäjien kulttuurierojen tuntemusta ja heidän valmiuksiaan itsenäiseen tekstintuottamiseen.
Aluksi tarkastellaan aikaisempia tutkimuksia suomalaisista matkailuesitteistä sekä nykyaikaisen käännösteorian tuloksia. Näiden valossa suorat käännökset ovat riittämättömiä tyydyttämään toisesta kulttuurista tulleen turistin tarpeita. Hän tarvitsee monesti enemmän informaatiota kuin kotimaan matkailija ja hänen loma-odotuksensa ja -tottumuksensa ovat erilaisia.
Voitiin osoittaa, että valtaosa tutkituista alue- ja kaupunkiesitteistä ovat suoria käännöksiä. Harvoin yritetään ottaa huomioon saksankielisten matkailijoiden kulttuuritaustaa ja informaatiotarpeita. Useissa tapauksissa kääntäjä oli tyytynyt kaksikielisen sanakirjan tarjoamiin termeihin tutkimatta niiden kulttuurisidonnaista taustaa.
Suomalaisissa saksankielisissa matkailuesitteissä näkyy harvoin esimerkkejä skoposteorian mukaisesta kääntäjäntyöstä, vaan on tyydytty virheettömään kieliasuun. Suorissa käännöksissä on usein ulkomaisille turisteille irrelevantteja tekstiosuuksia.
Osoittautui tarpeelliseksi luoda tekstilajille "matkailuesite" oma tekstiluokitusjärjestelmä. Vertailu osoittaa, että Saksassa tuotetut kaupunkiesitteet ovat huolellisemmin suunniteltuja ja valmisteltuja, niissä on selvämmin erotettu informatiiviset ja houkuttelevat tekstiosuudet ja niissä on sellaisiakin tekstiyksikköitä, joita Suomessa ei näy käyttävän. Saksalaisten esitteiden ilmoituksissa käytetään useammin ja monipuolisemmin suoria puhuttelumuotoja.
Inhaltsverzeichnis
2 Relevante Untersuchungen zur Touristeninformation
2.1 Tiina Lämsä: Matkailun edistämiskeskuksen välittämä Suomi-kuva 1993
2.3 Mariikka Lindström: The Register of English Travel Brochures
3 Die Suche nach der richtigen Translation
3.1.1 Gebrauchstexte und Ausgangstext
3.1.2 Texttypologie und Skopostheorie
3.1.3 Loyalitätskonzept als Kompromiss?
4.2 Die Rollen im Translationsprozess für Touristeninformation
4.2.1.2 Der deutsche Rezipient
4.2.2 Die Zieltext-Applikatoren
4.2.3 Die Texter des Ausgangstextes (Die Verfasser der finnischsprachigen Ausgabe)
4.2.4 Die Translatoren als Verfasser deutschsprachiger Touristeninformation
4.3 Der Informationsfluss im translatorischen Handlungsrahmen
5 Werbung und Touristeninformation
6 Zusammenfassung: die ideale Touristeninformation
6.2.1 Theoretische Konzepte für Kulturunterschiede
7.2 Die funktionale Typologie von Rolf
7.3 Die Funktionen der Touristenbroschüre
8 Das Material und seine Analyse
8.3 Die Sprache der Textsorten E und F
8.3.1 Grammatikalische Merkmale
9.1 Beispiele für Finnisches intrakulturelles Vor- und Weltwissen in deutschsprachigen Texten
9.1.1 Das orthodoxe Kirchenmuseum in Finnland
9.2 Einige weitere Lücken im Verständnis
9.3 Übersetzer als Opfer von Layout-Zwängen
9.3.2 Internationales Weinfest in Kuopio
9.3.4 Unzureichende Berücksichtigung deutsch-finnischer Berührungspunkte
9.4 Beispiele für gelungene Bearbeitungstechniken
9.4.2 Überwindung der Layout-Zwänge
9.4.2.1 Mehr Information durch kleinere Schrift
9.4.2.2 Freie Textgestaltung im vorgegebenen Textrahmen
9.4.2.3 Translationsvorausschauendes Layout
9.4.2.4 Von finnischer Distanziertheit zu deutscher Verbindlichkeit
Texte aus der Tourismusbranche gehören
zu den wichtigsten Auftragsquellen von Übersetzern, die vom Finnischen
ins Deutsche arbeiten. In umgekehrter Richtung haben es Übersetzer
meistens mit technischen Texten zu tun.
Deutsche stellen seit den 60er Jahren, als das MEK = Matkailun edistämiskeskus anfing Statistiken zu sammeln, rund 20 Prozent der ausländischen Finnlandtouristen und nehmen damit nach den Schweden den zweiten Platz ein. Nach der Wiedervereinigung stieg besonders die Zahl der Sommertouristen aus Deutschland, fiel aber nach 1994 wieder deutlich ab. (Helsingin Sanomat 25.11.1998). Von den deutschen Auslandstouristen besuchen jährlich nur etwa 0.5 % Finnland. 1998 war der Anteil ausländischer Touristen an Übernachtungen in finnischen Beherbergungsunternehmen 24 % (Uutislehti 100, 12.2.99). Unter Berücksichtigung der Besucher aus Österreich und der Schweiz und solcher, deren wichtigste Fremdsprache Deutsch ist, ist die Zielgruppe der deutschsprachigen Touristeninformation sowohl zahlenmäßig als auch wirtschaftlich die bedeutendste unter den ausländischen Besuchern Finnlands.
Mittels der Touristeninformation versucht der Anbieter von Dienstleistungen die Kommunikation mit dem potentiellen Kunden. Um ausländische Verbraucher anzusprechen, bedient sich der Anbieter der Hilfe von Translatoren. Moderne kommunikationsorientierte Translationstheorien sehen den professionellen Translator als Experten für Kulturvermittlung und gehen von einem Primat des zielsprachlichen Textes aus, der zielkulturkonform und -kohärent zu sein hat. Deutschsprachige Touristeninformation als Botschaftsträger vom finnischen Dienstleistungsanbieter zum deutschsprachigen Verbraucher scheint deshalb geeignet, um nachzuprüfen, ob besagte Translationstheorien ihren Weg in die Praxis gefunden haben.
Ich gehe davon aus, dass die Finnen erwarten, dass ausländische Besucher möglichst viel über finnische Kultur lernen sollen und der Tourismus helfen soll, reichlich vorhandene Unkenntnis zu beseitigen und Vorurteile abzubauen. Hauptsächlich suche ich nach Beispielen für gelungene Kulturvermittlung in Broschüren, die dem Besucher in den kleineren Städten Finnlands angeboten werden.
Neben einer Erörterung früherer Untersuchungen zum Thema enthält die Arbeit eine Diskussion relevanter übersetzungswissenschaftlicher Beiträge, danach wird die Tätigkeit des Translators im Herstellungsprozess der Touristeninformation rekonstruiert. Weiterhin wird versucht aufzuzeigen, welche kulturellen Unterschiede zwischen Finnen und Deutschen auf Grund unterschiedlicher Geschichte und Mentalität zu erwarten sind und wie diese sich im Urlaubsverhalten bemerkbar machen. Eine Analyse der Textsorte Touristenbroschüre soll helfen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Broschüren aus Finnland und Deutschland aufzuzeigen. Danach werden über Dienstleistungsunternehmen informierende Anzeigen aus deutschen und finnischen Broschüren untersucht, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Sprachgebrauch herauszufinden. Zuletzt folgt ein Kapitel Übersetzungskritik.
Obwohl die deutschsprachigen Finnlandtouristen
keine homogene Gruppe bilden, setze ich voraus, dass die kulturelle Distanz
zu den Finnen für alle Mitteleuropäer ungefähr gleich ist.
Zuerst will ich vorstellen, welche speziell
dem Thema der finnischen Touristeninformationen gewidmete Arbeiten ich
gefunden und berücksichtigt habe.
In dieser Untersuchung vergleicht die Autorin eine Anzahl von in verschiedenen westeuropäischen Ländern verbreiteten Broschüren, die Finnland als Gesamtheit vorstellen. Die Aufmerksamkeit gilt der Thematik und dem Imago, welches durch grafische Elemente, insbesondere die Auswahl der Fotos, vermittelt wird. Texte werden nicht analysiert.
Nach Lämsä sind es die unterschwelligen Botschaften und Mythen, die das Kaufverhalten der Kunden steuern. Sie fragt, welche Symbolik und Metaphorik in welchen Ländern benutzt wird. Die gefundenen Unterschiede werden als charakteristisch für die betreffenden Kulturen und deren Stereotypen angesehen. Zum Beispiel stellt die französische Broschüre die Gleichberechtigung der Geschlechter in Finnland heraus (79), die italienische zeigt traditionelles Rollenverhalten: auf dem Foto eines Hotelzimmers spricht der Mann am Telefon, seine Begleiterin liegt auf dem Bett und liest eine Zeitschrift (79). Aus Italien kommen meistens männliche Touristen, sie kaufen Andenken für die daheim gebliebene Frau (75). Briten werden durch eine detaillierte Darstellung der Freizeitaktivitäten nach Finnland gelockt, Deutsche mit dem Leitmotiv der Natur.
Die deutsche Broschüre unterschied sich am deutlichsten von den anderen untersuchten Fällen. Während bei den anderen durchgehend das gleiche Bildmaterial benutzt worden war und nur unterschiedliche Akzente gesetzt waren, hatte die deutsche Ausgabe keine gemeinsame Seite mit den anderen, mit Ausnahme der Titelseite der niederländischen Ausgabe. Die gezeigten Fotos können nach ihrer Thematik unterschieden werden, sie können z.B. den Touristen einbeziehen und zeigen, wie fröhliche Besucherscharen ihren Aufenthalt genießen, oder sie können eine Sehenswürdigkeit isoliert zeigen, wie es für die deutsche Broschüre typisch ist. Lämsä (49) zitiert eine Theorie von Urry, nach der ein Foto den Betrachter verpflichtet, sich das dargestellte Objekt anzusehen, und interpretiert die gefundenen Unterschiede mit der starken Arbeitsethik der Deutschen, Amerikaner und Japaner, die mit solcher Verpflichtung angesprochen wird. Ein anderer Unterschied fand sich darin, dass in der deutschen Ausgabe Symbole und Namen der finnischen Hochkultur im Vordergrund standen, in den anderen mehr die Populärkultur. In letzteren wird finnische Kultur so dargestellt, dass der Besucher zum Mitmachen eingeladen wird.
Lämsä erklärt, dass das Finnische Zentrum für Tourismus (MEK) untersucht hat, welche Perspektive für welche Touristen die lohnendste ist, und fasst zusammen, dass Besucher aus katholischen Ländern sich besonders für die Zeugnisse der orthodoxen Konfession gewinnen lassen, und dass überhaupt der östliche Einfluss auf die finnische Kultur das Land für Besucher interessant macht.
Die finnische Natur ist das beherrschende Thema der deutschen Broschüre auch in ihren Fotos, die das Reisen an sich oder Menschen bei ihren Freizeitbeschäftigungen zeigen. In den 90er Jahren sind die Touristen umweltbewusster geworden, was sich schon 1993 in einer Umfrage des MEK als zunehmend kritische Einstellung zur finnischen Umweltpflege manifestierte, besonders bei deutschen Besuchern (65f.). Dieser Kritik wird bewusst durch Auswahl solcher Symbolik begegnet, die Sauberkeit und Unberührtheit der finnischen Natur unterstreicht. Finnische Landwirtschaft präsentiert sich stark romantisiert, mit Ziegen und Schafen auf der grünen Weide. Im Widerspruch mit dieser Werbestrategie stehen Bilder von berühmten finnischen Rallyefahrern und dem immer beliebteren Motorschlittenfahren in freier Natur.
Charakteristisch für die italienische Broschüre war, dass sie Finnland aus italienischer Perspektive zeigt, mit Straßencafés und Segelschiff vor Suomenlinna, und kalte blaue Farbtöne bevorzugt. Lämsä (68) zitiert Autoren, nach denen es sich empfiehlt, Touristen ein Gefühl von zu-Hause-sein zu vermitteln. Doch lohnt es sich, das Objekt "wahrheitsnah" statt beschönigt darzustellen (69). Faktenwissen brauchen besonders solche Zielgruppen, die am wenigsten über Finnland wissen (70).
Die weltberühmten finnischen Sportler, Künstler und Architekten waren und sind oft und gern gebrauchte Aushängeschilder in der Touristenwerbung ihres Landes (70f.). Ein Problem dagegen ist die kulinarische Seite Finnlands (79). 1987 waren null Prozent der französischen und italienischen Besucher von der finnischen Küche angetan, ein Jahr später bezeichnete sie jeder zehnte Franzose als die negativste Erfahrung des Aufenthalts. Den Deutschen versucht die Broschüre die Gastronomie schmackhaft zu machen, indem das Bier auf Fotos an prominenter Stelle plaziert wird.
Ein viel gebrauchtes und erfolgreiches Werbekonzept
ist es, bestimmte Zielgruppen anzusprechen und zu zeigen, wie sich Angehörige
dieser Gruppe mit einem Produkt erfreuen.
Die untersuchten Broschüren jedoch
wenden sich an den Durchschnittstouristen, nicht an bestimmte, etwa besonders
zahlungskräftige Schichten.
Die Untersuchung demonstriert, dass MEK die Wichtigkeit der Kulturunterschiede einzelner Zielländer für die Tourismuswerbung erkannt hat. In diesen Finnland-Broschüren wird versucht, das Land in eine solche Perspektive zu rücken, dass es dem Betrachter möglichst interessant erscheint. Deutsche Touristen kennen Finnland am besten, zwei Drittel der deutschen Besucher sind schon wenigstens einmal in Finnland gewesen (52).
Dem Werbecharakter der Touristeninformation
entsprechend scheint es sinnvoll, das Material möglichst zielgruppenspezifisch
zu gestalten. Lämsä geht nicht darauf ein, wie die verschiedenen
Ausgaben zustande gekommen sind, ob sie nach finnischsprachigen Vorlagen
durch Übersetzung entstanden oder ob sie das Ergebnis selbständiger
Entscheidungen zielkultureller Werbeagenturen sind. Ich vermute, dass die
Autoren der Broschüren über Forschungsergebnisse von MEK unterrichtet
waren, glaube aber nicht, dass MEK für die einzelnen Länder vollständige
finnischsprachige Ausgangsversionen erstellt hat.
Die Autorinnen untersuchen finnische Tourismusbroschüren,
die im deutschsprachigen Raum verteilt werden sollen. Ihr Hauptaugenmerk
gilt zunächst den juristischen Bedingungen, die dabei erfüllt
sein müssen, und sie vergleichen einschlägige deutsche, österreichische,
schweizerische und finnische Vorschriften und Gesetzgebungen. Die Finnische
Zentrale für Tourismus erhält von finnischen Stellen laufend
deutschsprachiges Material, das nicht zur Verteilung geignet ist. Neben
fehlenden Angaben zu Geltungsbereich und Herstellung des Materials sind
es inhaltliche und sprachliche Mängel, die eine Verteilung nicht ratsam
erscheinen lassen. Das Material ist in diesen Fällen offensichtlich
nicht für deutsche Verbraucher konzipiert, sondern es handelt sich
um schlechte Übersetzungen finnischsprachiger Broschüren.
Bei Tourismusbroschüren handelt
es sich um Werbung, sie gehören [in der Typologie von Katharina Reiß]
zum Typ operativer Text. Erstens sollten Werbetexte wohlwollende
Aufmerksamkeit erwecken. Werbetexte werden so lange gelesen, wie sie interessieren.
Wenn solche Texte übersetzt werden, gilt es die Überzeugungsstrategien
der Zielsprache zu produzieren. Durch Veränderungen kann der Ausgangstext
funktionsfähig gemacht werden. Voraussetzung dafür ist das übersetzerische
Können, welches nicht identisch ist mit Sprachenkönnen, sondern
u.a. auch die Fähigkeit zur Textproduktion beinhaltet.(1)
Nicht nur die Sprache ist eine andere, zu berücksichtigen sind andere Werbungs- und Kaufgewohnheiten, Gesetzgebung, gesellschaftlich-politische Verhältnisse und Geografie/Natur.
Ein Kennzeichen nichtprofessionellen Übersetzens ist oft das Bestreben, den Ausgangstext als heilig zu behandeln und kein Wort hinzuzufügen oder wegzulassen. Laien haben (von ihren eigenen Schulübersetzungen her) die Vorstellung, dass Übersetzer unbedingt wortgetreu übersetzen bzw. es sollten und trauen ihnen deshalb nicht die Fähigkeit zu eigenständiger produktiver Leistung zu. Generell ist bekannt, dass Werbung ziellandspezifisch sein sollte. Aus dem falschen Übersetzungsverständnis resultiert das Bestreben, den Text wenn möglich von Werbefachleuten des Ziellandes anfertigen zu lassen. (2)
Die Autorinnen beziehen sich, außer im Literaturverzeichnis, auf keine translationstheoretische Autorität, sondern führen nur an, dass in der modernen Translationstheorie die Funktion des Zieltextes und die Situation des Empfängers bestimmen, wie man übersetzt, und nennen daneben den Begriff Texttypeneinteilung (tekstityyppijaottelu) (3).
Translatoren als Fachleute für Textproduktion und Kulturvermittlung kennen sowohl Ziel- als auch Ausgangskultur und bestimmen deshalb, wie übersetzt wird und stehen für ihre Entscheidungen ein. Obwohl die Auftraggeber große Erwartungen hinsichtlich der Werbewirksamkeit eines Textes hegen, geben sie ihre Aufträge oft unprofessionellen Kräften zur Ausführung(4).
Als nächstes (4f.) geben die Autorinnen eine Zusammenfassung des translatorischen Handlungsrahmens und zeigen, wie Translatoren Schritt für Schritt analytisch vorgehen sollen. Erst wird das Wer, Warum, Wann, Wo und Wie des Auftrages hinsichtlich Auftraggeber (finnischer touristischer Dienstleistungsbetrieb) und Rezipient (deutschsprachiger Tourist) entschieden. Optimal könne das Ergebnis nur sein, wenn für Deutsche, Österreicher und Schweizer eigene Ausgaben erstellt werden könnten (8).
Bedenken äußern Haapaniemi und Lukander hinsichtlich der Frage, ob Werbung übertreiben darf, wenn sie sich an Verbraucher in Ländern wendet, wo die Werbung genauer gesetzlicher Aufsicht untersteht (9).
Nach einer Erörterung der Texttypenlehre
von Katharina Reiß betonen die Autorinnen die Wichtigkeit der Textsortenkonventionen,
deren Kenntnis bei professionellen Translatoren vorausgesetzt wird. Zur
Umsetzung des operativen Texttyps stellen sie fest:
Die Broschüre sollte im besten Falle
eine bestimmte Zielgruppe ansprechen. Zu bedenken ist immer, ob sie sich
auf Sommer- oder Winterobjekte, für Kurz- oder Langzeitaufenthalte,
für Gruppen- Familien oder Individualtouristen, jüngere oder
ältere Reisende und auf Luxus- oder normale Objekte bezieht.
Die Publikation enthält weiterhin eine Menge Einzelheiten, wie eine gute Touristeninformation beschaffen sein soll. Auf diese Details soll weiter unten eingegangen werden.
Einen großen Raum nehmen die Repräsentationen der drei deutschsprachigen Länder, deren gesellschaftliche und geografische Verhältnisse usw. sowie deren von den finnischen abweichenden Verbraucherschutzvorschriften in Anspruch. Da die Arbeit während des Jahres der deutschen Wiedervereinigung erstellt ist, konnten die dadurch geschaffenen neuen Gegebenheiten noch nicht berücksichtigt werden, sondern Deutschland wird noch mit der alten Bundesrepublik gleichgesetzt.
Später (47ff.) kommen die Autorinnen auf die Anforderungen zu sprechen, die an deutschsprachige Touristeninformation in sprachlicher und kultureller Sicht gestellt werden. Leider geht aus dem Text nicht hervor, auf welche Quellen sich die dargestellten Ansichten beziehen, ob sie zum Beispiel aus einer Analyse der deutschsprachigen Touristeninformationen anderer, im Tourismusgeschäft erfolgreicher Länder stammen.
Die Druckerzeugnisse sollen Interesse wecken,
Antworten geben und sich von denen der Konkurrenz im positiven Sinne unterscheiden.
Viele der Anleitungen, z.B. zu sprachlichen
Problemen und zur Landeskunde (52f.), sind anscheinend für Translatoren
gedacht, die in die Fremdsprache texten. Mit Hilfe dieser Anleitungen können
natürlich die gröbsten Schnitzer vermieden werden, doch ob sich
so werbekräftige Erzeugnisse erzielen lassen, steht dahin. Nirgendwo
wird das Selbstverständliche vermerkt, dass zumindest die letzte Fassung
von einem Translator mit muttersprachlicher Kompetenz stammen sollte. Zu
den Kulturunterschieden findet sich jedoch ein zitierenswerter Abschnitt:
Im Kapitel über die Anwendung der
Theorie auf die Praxis wird davon ausgegangen, dass der Translator entweder
eine deutschsprachige Rohübersetzung aus dem Finnischen vorliegen
hat oder eine, meist von Werbeagenturen erstellte, finnischsprachige Broschüre.
In einer Case-Studie wird die Translation einer finnischen Winterbroschüre
über die verschiedenen Aktivitäten in Lappland behandelt. Zuerst
werden die Beteiligten im translatorischen Handlungsrahmen segmentiert,
dann erfolgt eine Analyse des ausgangssprachlichen Materials getrennt nach
Inhalt und Form, aus dem hervorgeht, ob das Material Fehler, Mängel
oder Schwächen aufweist.
Danach wird ein Ausgangstextprofil erstellt. Den verschiedenen Punkten wird tabellarisch zugeordnet, welche Verbesserungen und Ergänzungen nötig sind.
Im Zieltext muss stehen, in welchem Zeitraum die Ausflüge möglich sind, denn Ausländer wissen nicht, wie lange in Lappland Schnee liegt. Hinsichtlich Unterbringung, Absagen, Versicherungen, Ausrüstung brauchen die ausländischen Touristen exakte Information, sie wollen auch wissen, was im Preis nicht inbegriffen ist. Sie wissen auch nicht, was kansallispuisto bedeutet.
Die Translatoren vereinheitlichen die Präsentationen
der verschiedenen Dienstleistungsanbieter und bringen die Angaben auch
typografisch in die zielsprachige Form. Ein wichtiges Requisit ist die
Karte Finnlands, auf der die einzelnen Exkursionen vermerkt werden.
Haapaniemi und Lukander unterstützen
somit in autorativer Weise die Annahme, wonach das zielsprachliche Produkt
vor allem seinen Zweck in der zielkulturellen Umgebung erfüllen muss.
Sie folgen in ihren praktischen Anleitungen den Ausführungen in Holz-Mänttäri
(1984). Daneben beziehen sie sich auf die Texttypenlehre von Reiß
(1976) und die Skopostheorie von Vermeer (Reiß und Vermeer (1991),
Vermeer (1986)). Die Bedeutung des Ausgangstextes wird wenig diskutiert.
Ich vermisste auch einen Hinweis darauf,
wie sonst die optimale Werbefunktion im Zieltext gewährleistet werden
kann als durch gezielte Auswahl der Information. Hier fehlt eine Analyse
der kulturspezifischen Werbemethoden und der Unterschiede zwischen Finnland
und Deutschland innerhalb der touristischen Textsorten entsprechend den
Andeutungen in Reiß (1976:112) mit dem Beispiel der Befehlsform,
die beim Übersetzen ins Französische nicht übernommen werden
sollte.
Die Autorin vergleicht in ihrer pro gradu Arbeit drei original englische Reisebroschüren (travel brochures) mit dreien, die aus dem Finnischen ins Englische übersetzt waren. In der Arbeit steht der englische Begriff register für texttype = Textsorte. Lindström äußert Bedenken zur Texttypologie von Reiß, wo auf einmal nur eine Funktion des Textes betrachtet wird, obwohl oftmals Texte gleichzeitig mehrere Funktionen haben (23). Die Autorin untersuchte statistisch die Wortartfrequenzen in den sechs Beispieltexten, um auf diese Weise zu prüfen, ob sich die Übersetzungen von den englischen Beispielen dieser Textsorte unterscheiden oder nicht. In diesem Zusammenhang wird die interessante Frage angeschnitten, was Quasikorrektheit einer Übersetzung bedeutet im Unterschied zu offenen Übersetzungsfehlern (overt errors im Gegensatz zu covert errors). Zur Quasi-Korrektheit gibt es eine Dissertation von Inkeri Vehmas-Lehto (1989) über finnische Übersetzungen sowjetischer journalistischer Artikel.
Quasi-korrekt ist ein Übersetzungstext, dem man weder Unverständnis bei der Rezeption des Ausgangstextes (häufig bei Übersetzung in die Muttersprache) noch lexikalische oder grammatische Fehler (typisch für Übersetzung in die Fremdsprache) nachweisen kann und man trotzdem das Gefühl hat: das muss eine Übersetzung sein. [Bei literarischen Übersetzungen würde man von verfremdender Übersetzung sprechen.] Ursache für Quasi-Korrektheit ist nach Vehmas-Lehto die Interferenz: das fremdsprachige Denken färbt die Sprache des Zieltextes. [Wer seine Ausbildung ganz oder teilweise in sowjetischen Hochschulen genossen hat, denkt eben nicht mehr wie Matti Meikäläinen]. Ein solcher Text ist nicht mehr kohärent! U.a. ließ Vehmas-Lehto die Texte von Versuchspersonen lesen und ermittelte deren Reaktionen.
Lindström wählte die statistische Untersuchung der relativen Häufigkeit einzelner Wortarten mittels C2-Test als eine Methode, Quasi-Korrektheit zu ermitteln, und verzichtet beinahe ganz auf herkömmliche Textvergleiche. Die so gewonnen Ergebnisse sind nur in extremen Fällen aussagekräftig. Wenn von einer bestimmten Wortart nur wenige im Material vorkommen, kann keine statistische Aussage gemacht werden. Obwohl die untersuchten Broschüren weitgehend untereinander konform waren, finden sich nachdenkenswerte Ergebnisse.
Erstens stellt sich heraus, dass eine der finnischen Broschüren signifikant in der Verwendung von Ortsnamen von der Norm abweicht. Tatsächlich finden sich im Text Sätze, die Aufzählungen von bis zu sechs finnischen Ortsnamen hintereinander enthalten! [Durch dieses Ergebnis wird man auf das Problem aufmerksam, das finnische Namen für den ausländischen Touristen darstellen]. Zur Häufigkeit der Ortsnamen tritt das Fehlen von Personennamen. Es scheint, dass die englischen Texte den Besucher mit Vorliebe über die Vermittlung von interessanten Personen mit den Reisezielen vertraut machen.
Ein zweiter Befund aus Lindstöms Analyse: im Bereich der Modalverben ist die Sprache der finnischen Broschüren monotoner als die der englischen - und monotoner als die der Originale! (47) Can ist beinahe das einzige Modalverb, um Möglichkeit auszudrücken: you can… Im Original war an den betreffenden Stellen nur in jedem vierten Fall voida gebraucht worden.
Ein drittes Ergebnis ist das Fehlen der "markers of doubt" in den finnisch-englischen Übersetzungen (54). Wörter wie probably, perhaps, maybe finden sich nur in den englischen Originalen. Dort trifft man auch reichlich ausdrucksstarke Adjektive wie incredible, opulent, magnificient, lovely, glittering ornamental lake. [Die Übersetzungen zeugen von finnischer Bescheidenheit und Distanziertheit. Man ist vielleicht versucht zu fragen, ob die englischen Texte nicht etwa auf amerikanische Touristen zugeschnitten sind, die ja an Übertreibungen gewöhnt sind? Amerikaner dürften den Hauptanteil der ausländischen Touristen in Britannien stellen].
An diesem Beispiel zeigt sich, dass sich
schon mit rein linguistisch-statistischen Methoden Probleme in übersetzten
Texten erkennen lassen. Ich bezweifle jedoch, dass mittels Wortartfrequenzanalyse
sich Quasi-Korrektheit nachweisen lässt. Schon ein oder zwei Stellen
in einem umfangreichen Textmaterial können signalisieren, dass es
sich um eine Übersetzung handelt. Wenn z.B. in der Broschüre
aus Porvoo steht: "Willkommen nach Porvoo zum Geniessen" und "Auf unserer
Terasse können Sie sich von den Alltäglichkeiten erholen", nehme
ich sofort an, dass aus dem Schwedischen übersetzt wurde.
Die Autorin hatte als Fremdenführerin
für deutsche Bustouristen auf Nordkaptour gearbeitet und dabei von
ihren Betreuten einen Fragebogen ausfüllen lassen zur Meinung über
Finnland und die Finnen sowie den Erfahrungen der Reise. Sie zitiert viele
Untersuchungen zum Finnlandtourismus und Finnlandbild der Deutschen. Obwohl
von den ausländischen Touristen die Deutschen nach den Schweden am
besten informiert sind über Finnland, ist die Kenntnis absolut gesehen
recht bescheiden. "Finnland ist innerhalb der europäischen Länder
am wenigsten bekannt". (21) Jahrzehntelange Propagierung von Sauna, Sisu
und Sibelius haben daran nicht viel ändern können, von den drei
Begriffen ist nur die Sauna wirklich Allgemeingut geworden (109) [dies
wohl eher dank des Erfolges schwedischer Saunaexporteure als der Kampagnen
finnischer Stellen]. Nur 37 % der Befragten glauben, Finnland sei hoch
industrialisiert (48f.).
Rund die Hälfte benutzten Prospekte
über Finnland vor Antritt der Reise (90). Als negativ wurde die finnische
Sprache, dass nur finnische Beschriftungen zu sehen sind und die geringen
Sprachkenntnisse der Finnen beurteilt. Auch schon in Umfragen des MEK von
1989 wurden schlechte Sprachkenntnisse angeführt, neben den hohen
Preisen (25f).
In Gesprächen äußerten
sich die Besucher überrascht darüber, dass die Finnen ja gar
nicht alle blond sind, wie die Touristenwerbung suggerieren will, und dass
während des ganzen Lapplandaufenthalts die Sonne kaum zu sehen war
(weil es regnete), obwohl doch immer von der Mitternachtssonne gesprochen
wird. Hiltunen schlägt vor, in Prospekten statt von Mitternachtssonne
lieber von "nachtloser Nacht" zu sprechen.
Im Folgenden eine kurze Zusammenfassung der Untersuchungen von 1993 (Marin 1994). Ungefähr 20 Prozent der aus Deutschland stammenden Besucher hatten Verwandte in Finnland, und fast 40 Prozent besaßen einen Hochschulabschluss. Die Hälfte kam mit Familie, ein Fünftel als Gruppenreisende. Durchschnittlich übernachteten sie 12 mal in Finnland, davon ein Viertel in Hotels, 40 Prozent in Ferienhäusern oder auf Campingplätzen. 60 Prozent kamen mit der Fähre, weniger als ein Zehntel mit dem Flugzeug. Auf die Frage, warum sie nach Finnland kamen, gaben 45 Prozent an, Finnland interessiere als neues Ferienziel, 30 Prozent als bekanntes Ferienziel. 60 Prozent suchten Naturnähe, 45 Prozent Abwesenheit von Verkehrsstaus, 23 Prozent waren auf dem Wege zum Nordkap. Zu einem bestimmten Ziel waren 32 Prozent unterwegs. Die Angaben der Schweizer und Österreicher wichen kaum davon ab.
1994 befragte ein deutsches Institut potentielle Finnlandbesucher, solche, die noch nie in Finnland waren, jedoch Informationsmaterial bestellt hatten (MEK A:87). 68 Prozent konnten sich vorstellen, in Finnland in der Wildnis zu wandern, 46 Prozent würden gerne Fahrrad fahren, 34 Prozent ein Kanu ausprobieren, 29 den Hundeschlitten, 27 Prozent würden Skilanglauf ausüben, 9 Ski alpin und nur 2 Prozent würden Golf spielen.
Im Vergleich zum Vorjahr hatte sich in Finnland 1997 die Anzahl der Reisebusse aus Deutschland um 31 Prozent verringert, dagegen waren 42 Prozent mehr Personenwagen eingetroffen. Die Zahl der Übernachtungen war um 11 Prozent gesunken, von 512 Tausend auf 454 Tausend. Zum Vergleich (1997): Schweden 626, Russen 549, Briten 248, Schweizer 82 und Österreicher 35 (in Tausend). Demnach sind die deutschsprachigen Besucher die zweitgrößte Gruppe mit zusammengerechnet 571 Tausend Übernachtungen. Überraschend ist die geringe Zahl der Österreicher: 1996 waren nur 1.4 Prozent der ausländischen Besucher von dort, dagegen 2.5 Prozent aus der Schweiz und 17.5 Prozent aus Deutschland (Schweden 23.5 Prozent). Im Sommer 1996 gaben in Finnland aus (Millionen FIM): Russen 430, Schweden 420, Deutsche 380, Schweizer 120. Damit waren die deutschsprachigen Kunden offensichtlich die wichtigste Gruppe! Aus Schweden kommen ja meistens finnische Auswanderer auf Heimatbesuch, die man eigentlich nicht als ausländische Besucher einstufen kann.
Im Tourismusverhalten der Deutschen waren
generell in den letzten Jahren die Auswirkungen der hohen Arbeitslosigkeit
zu spüren, somit kann von rückläufigen Übernachtungszahlen
nicht auf ein nachlassendes Interesse an Finnland geschlossen werden.
Aufgrund der angeführten Arbeiten würde ich zwei Ausgangshypothesen für die weitere Behandlung des Themas aufstellen:
1. Die Touristeninformation sollte sich von gleichartigen zielsprachlichen und zielkulturellen Erzeugnissen nicht oder höchstens im positiven Sinne unterscheiden.
2. Die Unterschiede zwischen finnischer und deutscher Kultur und Mentalität bedingen es, dass sich deutschsprachige und finnischsprachige Touristeninformationen in bestimmter, näher zu untersuchender Weise unterscheiden werden.
Im Folgenden sollen das Verhältnis zwischen
Ausgangstext (AT) und Zieltext (ZT) vom Standpunkt der Translationstheorie
erörtert und die theoretischen Grundlagen für Haapaniemis und
Lukanders Empfehlungen rekonstruiert werden.
Seit ungefähr den 70er Jahren diskutieren die maßgeblichen Fachleute für Übersetzungswissenschaft an deutschen und ausländischen Hochschulen darüber, wem das Hauptaugenmerk beim Vorgang der Translation gebührt, dem Ausgangstext oder dem Zieltext. Eine ausgewogene Darstellung der verschiedenen Positionen findet sich bei Jakobsen (1993). Diese Auseinandersetzung lässt sich schon mindestens bis auf Cicero zurückverfolgen.
Die unumstrittenen Autoritäten in dieser
Diskussion waren Katharina Reiß, die eine trranslationsrelevante
Texttypenlehre erarbeitete (Reiß 1976), und ihr Schüler Hans
J. Vermeer, der seine Skopostheorie verficht. Wie Jakobson (71) darlegt,
war Reiß später bereit, ihre Forderung aufzugeben, nach der
der Texttyp des Ausgangstextes die Übersetzungsmethode determiniert
(Reiß 1976:1). Gleichzeitig aber verteidigt Reiß ihre Überzeugung,
dass Translation ohne Ausgangstext (AT) nicht denkbar ist, und wehrt sich
gegen Vermeers Ausspruch vom "entthronten Ausgangstext". Vermeer sieht,
dass es den Ausgangstext nicht gibt, weil jeder Leser/Hörer,
schon aufgrund individueller Disposition, den Text anders rezipiert und
versteht. Ebenso kann es das Translat nicht geben, denn erstens
liefern verschiedene Translatoren verschiedene Texte und zweitens rezipieren
die zielsprachigen Leser/Hörer ein und dasselbe Translat wiederum
individuell. Nach Vermeer ist jedes Translat daseinsberechtigt, das seinen
Zweck erfüllt. Die möglichst genaue zielsprachige Reproduktion
des Ausgangstextes kann der Zweck = Skopos des Translationsprozesses sein,
muss es aber nicht und ist es in der Praxis immer seltener. Besonders bei
Gebrauchstexten, die den Löwenanteil vom Arbeitsfeld des heutigen
Translators stellen, ist die wichtigste Anforderung die, dass sie ohne
Bezug auf einen Ausgangstext funktionieren:
Im Fall der finnisch-deutschen Touristeninformation
ist der Zweck sowohl der finnischen als der deutschen Ausgabe der gleiche,
nur sind die Zielgruppen und deren Vorwissen verschieden.
Haapaniemi und Lukander (2.2) sprechen auch
von der Texttypenlehre, empfehlen jedoch Änderungen auf der Informationsebene,
dagegen spricht Reiß von Invarianz des Inhalts beim informativen
Texttyp:
Stolze vermisst bei Reiß eine Kontrastierung
mit den Besonderheiten anderer Sprachen und die Konkretisierung der Texttypologie
"durch linguistische Textaspekte wie Gliederung, Sprecherperspektive, Tempora,
Deixis, Kommunikation usw." (Stolze 1994:124)
Nach Jakobsen (1993) übernehmen bei Touristeninformation und Gebrauchsanweisungen und -anleitungen Institutionen die Rolle von Autor und Translator. Namen von Autor und Translator werden in der Regel nicht aufgeführt, und der Leser weiß nicht, soll es auch nicht merken, ob der Text übersetzt ist. Im Falle der Textproduktion durch Translation sollte sich von dieser keine Spur im fertigen Text finden lassen. Solche Texte sollen funktional sein, sich natürlich lesen und von zielsprachlichen Originalen ununterscheidbar sein.
Zugunsten einer funktionalen Translation
äußern sich die meisten Translatologen, so Kußmaul (1986):
Jedoch gehen die Meinungen auseinander,
welche Bedeutung denn der AT noch hat. Zur Analyse von verschiedensprachigen
Versionen über einen Text mit dem Titel Spezialitäten
in einer Münchner Touristenkarte (Nord 1991:220f.) wird zwar ausgeführt:
Doch im Ganzen soll versucht werden,
möglichst alle Funktionen und Informationen des AT im ZT auszudrücken.
Stolze (1994) hat die Theorien der einzelnen Autoren verglichen und meint
u.a. zu Nord:
Holz-Mänttäri (1988:40f.) berichtet
aus ihrer Erfahrung als Ausbilder von angehenden Translatoren, dass es
oft zu "Argumentationsbrüchen" führt, wenn jemand zwischen den
theoretischen Ansätzen von Reiß einerseits und Vermeer andererseits
vermitteln will. Jakobsen pflichtet Holz-Mänttäri bei:
Besonders undurchsichtig wird ja für
den Studenten das Argumentationsdickicht durch die Tatsache, dass Reiß
und Vermeer als Ko-Autoren der wichtigen Schrift Grundlagen einer allgemeinen
Translationstheorie von 1984 zeichnen. Nach Holz-Mänttäri
(1988:40) jedoch stammt das theoretische Gerüst des Werkes von Vermeer.
Für den Spezialfall der Touristeninformation
könnte man also, mit Jakobsen, die Relevanz der Skopostheorie voraussetzen.
Ich möchte jedoch noch einen Versuch machen, die Theorien hinsichtlich
des Primats von AT oder ZT unter dem übergreifenden Begriff der Loyalität
zu vereinen, um danach besser begründet und guten Gewissens mit der
Skopostheorie und dem damit verwandten Konzept vom translatorischen
Handeln fortzufahren. Schließlich ist es unbefriedigend, die
Translationsstrategie nach einer Unterscheidung wie der zwischen Gebrauchstexten
und literarischen Texten zu wählen. Schließlich wissen selbst
Literaturtheoretiker nicht anzugeben, was Literatur denn eigentlich ist
(Eagleton 1996). Leichter scheint mir die Unterscheidung zwischen Autorentexten
und Auftragstexten.
Die Loyalität zum Autor des AT ist gewiss kulturbedingt, doch in unserer westlichen Kultur seit langem eine Selbstverständlichkeit. Falls ein Text auf Initiative und in Verantwortung des Autors, unter dessen Namen, erschienen ist, muss die Loyalität des Translators diesem Autor gelten. Obwohl dieser AT zu Zieltexten verschiedener Funktion bearbeitet werden kann und muss, sollte nur die möglichst getreue Reproduktion sich Übersetzung oder Translat nennen dürfen (Jakobsen 1993:74). Dies scheint Koller zu meinen mit seinem vielzitierten Begriff vom eigentlichen Übersetzen. (Koller 1993). Wenn sich der Zieltext auf den ursprünglichen Autor beruft, es sich aber um eine Be- oder Umarbeitung handelt, ist es üblich, mit Formulierungen wie "nach Shakespeare" darauf aufmerksam zu machen.
Innerhalb von Touristeninformationen können durchaus Texte erscheinen, die auch ohne Anweisung des Auftraggebers "eigentliches Übersetzen" voraussetzen. Eine Begrüßung der Besucher durch den Staatspräsidenten oder den Bürgermeister erfolgt mit Namensnennung und kann deshalb nicht Gegenstand von Bearbeitung werden. Ein Gedicht würde als deutsche Übersetzung mit der Angabe z.B. "Aleksis Kivi, übersetzt von ... " oder "nach Aleksis Kivi, bearbeitet von ..." abgedruckt werden.
Anders ist es, wenn über und hinter
dem Textproduzenten eine Autorität steht, in deren Dienst und auf
deren Initiative der Autor den AT erstellt hat. Ich nenne solche Texte,
wenn sie ohne Namensnennung erscheinen, Auftragstexte im Unterschied zu
Autorentexten. Dieser Autorität, dem Auftraggeber des AT, schuldet
nunmehr auch der Autor des ZT seine Loyalität, besonders wenn er auf
Initiative desselben Auftraggebers, der ja die Rechte am AT hat, arbeitet.
Loyalität zum Auftraggeber des Translats bedingt ihrerseits auch Loyalität
gegenüber dem Rezipienten des ZT, denn nur ein funktioneller Text
wird den Erwartungen des Auftraggebers gerecht. Schwächen und Fehler
des AT können behoben werden ohne Rücksicht auf den Autor des
AT, jedoch unter Konsultation des Auftraggebers. Deshalb hat hier die Skopostheorie
Recht. Auch wenn man dieser Tätigkeit die Bezeichnung Translation/Übersetzung
vorenthalten will, muss man einen wichtigen Tatbestand festhalten: Nur
professionelle Translatoren sind imstande, aus der Gesamtheit der ausgangs-
und zielsprachigen Texte gute zielsprachliche Bearbeitungen zu produzieren
und bei Bedarf mit finnischen Kontaktpersonen direkt zu kommunizieren!
Der Initiator des AT hatte dem Autor
A1 den Auftrag erteilt, hätte er den Autor A2 gewählt, wäre
ein anderer Text herausgekommen, obgleich die Information, die der Auftraggeber
mitteilen will, sich in beiden Texten finden ließe. Ebenso hat der
Auftraggeber die Wahl zwischen den Translatoren T1, T2 ..., von denen jeder
einen anderen Text liefern würde. (Die Rolle des AT als Informationsträger
zwischen Auftraggeber und Translator soll später (4.3) diskutiert
werden.)
Aus diesen Überlegungen folgt, dass für Gebrauchstexte wie Touristeninformation die Loyalität des Autors des fremdsprachigen Textes dem Auftraggeber, nicht dem AT oder dessen Verfasser gilt.
In Nord (1991:29) werden author und sender gleichgesetzt und die Loyalität zum Autor verabsolutiert, obwohl doch bei Gebrauchstexten der Autor unbekannt ist.
Die Existenz eines bestimmten AT ist im Falle
der Touristeninformation keine Voraussetzung für das Entstehen eines
ZT, und vom Initiator oder Sender des AT kann bei Touristeninformation
kaum Rat oder Anweisungen hinsichtlich Kulturtransfer erwartet werden (4.3).
Wichtig ist der gelungene Informationsaustausch zwischen Auftraggeber(n)
und den Produzenten der einzelsprachlichen Ausgaben. Schließlich
ist ja jeder Text nur das letzte Glied in einer Kette von vorher rezipierten
Texten.
Schon die Sprache bestimmt die Grundhaltung
des Einzelnen zu theoretischen Fragen. Im Deutschen ist es möglich,
zwischen dem Prozess des Übersetzens und seinem Ergebnis, dem Translat,
zu unterscheiden. Im Englischen werden beide mit translation bezeichnet.
Schon dieser Unterschied macht es oft schwierig, die Gedankengängen
einzelner Autoren zu verfolgen, z.B. in Nords englischsprachigen Veröffentlichungen.
In den Begriffen "Übersetzung" und "Translation" steckt jedoch immanent
die Vorstellung eines Zwischenraumes, den es zwischen Kulturen zu überbrücken
gilt. Dagegen hat sich in der finnischen Sprache das Begriffpaar kääntää-käännös
durchgesetzt,
obwohl auch der Gebrauch von siirtää-siirros sich angeboten
hätte. Das Verb kääntää im allgemeinen
Sprachgebrauch bezeichnet keine Orts-, sondern eine Richtungsänderung
oder eine Orientierungsänderung.
Zur traditionellen Anschauungsweise, die
stets von wie immer gearteten Texten und deren Produktion ausgeht, brachten
erst die 80er Jahre eine Perspektive, die von kommunizierenden Individuen
und Institutionen ausgeht und im Falle von Translatoren die Frage aufwirft,
wie die Fähigkeiten von professionellen Translatoren im Kommunikationsprozess
genützt werden können.
Justa Holz-Mänttäri hat in ihren
Schriften aus den 80er Jahren erstmals den Prozess des Übersetzens/Dolmetschens
als gesellschaftliche Erscheinung, als Wechselwirkung verschiedener Institutionen
untersucht und beschrieben. Sie nimmt bewusst und gezielt Abstand von linguistischen
Modellen und der textbezogenen Perspektive und versucht, ein für alle
Mal mit dem leidigen Begriff des Übersetzens aufzuräumen:
Vielen ihrer Kollegen erschienen die
resultierenden Aussagen zu radikal. Manchmal werden ihre Theorien auch
einseitig von der Textperspektive aus interpretiert, wie zum Beispiel in
Nord 1991 zu Holz-Mänttäri: "In my view, however, there can be
no process of ‘translation’ without a source text." (28) Dabei nimmt doch
auch Holz-Mänttäri (1984) im praxisbezogenen Teil ihres Buches
Bezug auf konkrete Texte und zeigt in allen Einzelheiten, wie aus einem
missverständlichen ZT, der durch Umkodierung eines missverständlichen
AT stammt, ein tauglicher ZT hergestellt wird (129ff. am Beispiel der Installationsanleitung
einer finnischen Kompost-Toilette), und wie der Kontakt zwischen Translator
und Auftraggeber zur Aufnahme nützlicher Zusatzinformation in den
ZT führt (siehe dazu 4.2.4). Nach dem Vorbild Holz-Mänttäris
gehen auch Haapaniemi und Lukander vor bei der Bearbeitung von Ausflugsprogrammen.
Vielleicht vermissen einige in Holz-Mänttäri (1984) den finnischen
AT, den sie, wohl mit Rücksicht auf die Unbekanntheit der finnischen
Sprache, durch eine deutschsprachige wortgetreue Rohübersetzung ersetzt
hat.
Damit ein Translat entsteht, bedarf es des Zusammenwirkens verschiedener Beteiligter. Holz-Mänttäri (1984) hat für diesen "tranlatorischen Handlungsrahmen" eine eigene Terminologie entwickelt. Sie unterscheidet zwischen:
- dem Translations-Initiator / Bedarfsträger
- dem Besteller
- dem Texter des Ausgangstextes
- dem Translator
- dem Zieltext-Applikator.
Gemeinsam erarbeiten diese Beteiligten einen
Botschaftsträger
für den Zieltext-Rezipienten. Holz-Mänttäri vermeidet
das Wort Text, um alle Assoziationen an linguistische Gedankengänge
auszuschalten.
Es scheint nützlich, die verschiedenen
Rollen ausgehend vom Rezipienten, also dem Empfänger der Botschaft,
dem Leser und Benutzer des Materials aus zu analysieren. Die Hauptpersonen
des translatorischen Handlungsgefüges, nämlich Bedarfsträger
und Translator, können nur dann im Sinne von Holz-Mänttäris
Konzept erfolgreich zusammenwirken, wenn sie genaue Vorstellungen vom Rezipienten
haben und diese Vorstellungen der Wirklichkeit entsprechen. Wenn davon
ausgegangen wird, dass es sich beim Translator um einen Muttersprachler
handelt, hat dieser einen Informationsvorsprung gegenüber dem Bedarfsträger.
Trotzdem muss auch der Translator auf dem Laufenden sein, was Entwicklungen
beim Rezipienten betrifft, also in diesem Falle Veränderungen etwa
in der Zusammensetzung der deutschsprachigen Touristen und deren Vorwissen
das Gastland betreffend. So haben die Wiedervereinigung Deutschlands und
der Eintritt Finnlands in die EU Veränderungen beim Rezipienten der
Touristeninformation bewirkt.
In vielen Fällen wird es nötig sein, finnische und deutsche Touristeninformation zu vergleichen. Deshalb müssen die Unterschiede zwischen den Verbrauchern beider Länder hinsichtlich Mentalität, Vorwissen und Erwartungen bewusst gemacht werden, um beurteilen zu können, ob eine Touristeninformation ihre Aufgabe erfüllt und ihre Zielgruppe anspricht.
Haapaniemi und Lukander haben zur Landeskunde
der deutschsprachigen Länder das Wichtigste gesagt, doch fehlt bei
ihnen ein Kapitel über Finnland. Eine fremde Kultur kann man erst
verstehen, wenn man sich seine eigene Kultur bewusst gemacht hat (Schuchalter
1995:vi).
Finnland war über das Ende des 2. Weltkrieges hinaus ein Agrarland. Erst die letzten zwei Generationen der Finnen haben sich einer Urbanisierung ausgesetzt gesehen. Trotzdem verfügen noch heute die meisten über Verwandte und Bekannte, die Land- und Forstwirtschaft betreiben. Der Waldbesitz ist sehr breit gestreut (etwa 65 Prozent sind in Privatbesitz). Wer nicht selbst ein Wochenendhaus in ländlicher Umgebung besitzt, kennt Verwandte und Freunde, in deren Ferienhäuschen er sich erholen kann. Der Wald ist den Finnen persönlich vertraut als Quelle nützlicher Alltagsgüter wie Brennholz, Pilze, Beeren und Wild als auch Quelle des finnischen Wohlstandes in Form von Rohstoffen für die Industrie. Finnen haben eine unsentimentale, pragmatische Beziehung zum Wald und zur Natur überhaupt. Die meisten Finnen sind es gewöhnt, sich auch völlig allein in der Einöde zu bewegen. Bis vor kurzem schien es, als sei die finnische Natur unerschöpflich, erst spät merkte man, dass die Konsumgesellschaft die Regenerationsfähigkeit der Natur verbraucht hat.
Am liebsten halten die Finnen Abstand zueinander;
statt ihre Häuser neben dem des Nachbarn zu errichten, wie es sonst
in der Welt üblich ist, suchen sie lieber einen Platz außer
Hör- und Sehweite von anderen.
Erst die modernen Techniken wie Strom
und Wasserleitungen haben durch Kostendruck zur Verdichtung der finnischen
Siedlungsformen geführt. Die Tendenz zum Abstandhalten ist auch in
den kommunikativen Gewohnheiten der Finnen nachgewiesen worden als Respektierung
des negativen Gesichts des Gesprächspartners
Ausländern erscheinen Finnen dadurch
als distanziert. Die von Lindström gefundene Häufung des Modalverbs
can
(2.3) sehe ich als ein Symptom dafür, dass sich besagte finnische
kommunikative Grundhaltung auch in Übersetzungen aus dem Finnischen
nachweisen lässt. Ein Satz wie "Sie können sich setzen" kann
auf verschiedene Weise interpretiert werden und bedarf in der Wiedergabe
Zusätzen wie z. B: "sagte er kalt/mit freundlicher Stimme/brummig
usw. Ohne Zusatz wirkt der Satz auf mich unfreundlich, dagegen die Form
"nehmen Sie doch bitte Platz" wirkt auch ohne Zusatz freundlich und verbindlich.
In der mündlichen Kommunikation hat sich bei Finnen eine Vermeidung der direkten Anrede nachweisen lassen, lieber bedient man sich indirekter Ansprechformen. Bis heute herrscht oft Unsicherheit, ob sinä oder te im Umgang mit Fremden angebracht ist.
Die finnischsprechenden Gemeinden waren jahrtausendelang durch Egalität ihrer Mitglieder gekennzeichnet, ein feudales System mit Leibeigenschaft der Bauern hatte sich in Finnland (und in der Schweiz: Wilhelm Tell) nicht entwickelt. Unterschiede zwischen Völkern spiegeln sich am deutlichsten in ihren Literaturen. Ein Vergleich einiger der hervorstechendsten literarischen Werke des vorigen Jahrhunderts macht dies deutlich:
Der Roman des finnischen Nationaldichters Kivi "Die Sieben Brüder", verdeutlicht den unbändigen Unabhängigkeitswillen der Finnen und die Bedeutung des Individuums in der finnischsprachigen Gemeinschaft. Der Dichter hat es vermocht, sieben scharf voneinander unterscheidbare Charaktere aus der untersten gesellschaftlichen Schicht zu gleichberechtigten Helden eines Romans zu machen. Die Brüder bleiben in allen Irrungen und Wirrungen Herr ihres Schicksals. Nicht Geburt und Besitz, sondern Schulbildung sichert Ansehen und Erfolg in der Gesellschaft. In Gogols "Toten Seelen" ist die Rede von den Machenschaften der russischen Beamten und Gutsbesitzer, die ihre Bauern verschachern wie Vieh. Bei Dostojewski sind alle individuell gezeichneten Gestalten adliger Abstammung, Bürgerliche kommen nur in Nebenrollen vor und sind Karrikaturen. Eichendorffs "Taugenichts" verzweifelt, weil er glaubt, in ein höherstehendes und ihm unerreichbares Mädchen verliebt zu sein. Das Happy-End kommt mit der Enthüllung, das es sich bei der Angebeteten glücklicherweise nur um eine Zofe handelt. Auch ein Vergleich Kivis mit seinem Landsmann Runeberg und dessen literarischen Gestalten zeugt von der Ausnahmestellung der finnischsprachigen Gemeinschaft. Die zeitgenössische Kritik machte es ja Kivi zum Vorwurf, dass er rohe und ungebildete Menschen zu Helden wählte, statt wie Runeberg Adlige und Vornehme zu beschreiben. In unserem Jahrhundert hat Väinö Linna die Tradition Kivis fortgesetzt. Im Unbekannten Soldaten sprechen alle Personen ihren eigenen Dialekt und sind Individuen. Im Vergleich dazu scheinen deutsche Autoren Typen zu schaffen, die für ihre gesellschaftliche Klasse stehen. Sogar der am sorgfältigsten ausgearbeitete "Mann des Volkes" in der deutschen Literatur, Franz Biberkopf, kommt relativ selten authentisch zu Wort und bleibt Gefangener seiner sozialen Stellung. "Döblin geht es nicht um die Schaffung eines persönlichen Schicksals" sondern er will die "'Stimmen der Massen'" einfangen (Beutin 1989:368)
Dieser Charakterzug der Finnen kann nur unvollkommen mit "Individualismus" bezeichnet werden. Wenn der Einzelne von vornherein akzeptiert wird, braucht er keine äußerlichen Unterschiede betonen, braucht und will er kein Exzentriker sein.
Der finnische Individualismus manifestiert sich in einer Abneigung gegenüber dem Dienen, das den Nachkommen feudaler Gesellschaftsordnungen u.a. in Deutschland, aller Revolutionen zum Trotz noch im Blut steckt. Die finnische Dienstleistungsgesellschaft ist eine Selbstbedienungsgesellschaft (ei palveluyhteiskunta vaan itsepalveluyhteiskunta: Järvinen 1999a). Egalität der Gesellschaft und die Abwesenheit einer führenden Klasse, der es nachzueifern gilt, zeigen sich u. a. in relativ geringen Ausgaben für Kleidung und Schuhwerk. Finnen fallen sogar den armen Esten durch anspruchslose, unformelle Kleidung auf, russische und estnische Frauen in Finnland durch gepflegtes Äußeres. Bekanntlich fühlen sich Finnen am wohlsten in der Sauna, wo alle durch Kleidung demonstrierbare Unterschiede aufgehoben sind und der Mensch an sich gilt.
Finnen lieben sachliche und knappe Kommunikation. Dies ist bei schriftlicher Kommunikation erst wenig untersucht worden. Eine Ausnahme bilden die Analysen von Geschäftsbriefen und deren finnisch-deutsche Kontrastierung bei Liisa Tiittula (Nuolijärvi/Tiittula (1992). Finnen neigen dazu, Selbstverständliches unerwähnt zu lassen, während Deutsche alles haarklein darlegen wollen. In Finnland ist Sachlichkeit die oberste Tugend bei Verhandlungen, gefolgt von Ehrlichkeit und Verlässlichkeit. Auch die Zwei-Sprachen-Politik Finnlands zwingt zu knappem Ausdruck, da alle offiziellen Äußerungen gleich zweimal erzeugt werden müssen.
In finnischen Schulaufsätzen gilt Metatextualität als unnötig, langweilig und schlechter Stil, ganz im Gegensatz zu englischen, wo es als mustergültig gilt, dass ein Text über sich selbst reflektiert und voraussehende, rückblickende, überführende, abschweifende, zurückführende etc. Passagen enthält. (Chesterman 1998:185)
Das finnische Ideal der Einfachheit (koruttomuus)
manifestiert sich in allen Gebieten finnischer Kultur, vom Kunsthandwerk
bis zur Architektur. Das finnische Design strebt nach klaren Linien und
scheut unfunktionale Verzierungen.
Neben dem Aufenthalt im Sommerhäuschen
ist der Besuch von verschiedenen Festivals, Ausstellungen und Versammlungen
die Hauptbeschäftigung des finnischen Inlandtouristen. Dabei bewegt
sich der durchschnittliche Tourist im Kreise seiner Familie und Freunde
im
eigenen Auto und legt dabei während eines Sommers oft Tausende von
Kilometern zurück. Den Kindern muss ja ständig Ablenkung geboten
werden, deshalb führt die Route vieler Sommertouristen von Muminland
nach Ähtäri, von Särkänniemi nach Linnanmäki.
Bei der Auswahl des Reiseziels ist oft entscheidend, ob es mit pomppulinna
oder pallomeri aufwarten kann.
Die Tanzleidenschaft der Finnen ist ein Phänomen, das bisher kaum für die Werbung um ausländische Touristen ausgenutzt wurde. Vermutlich ist die Dichte von sommerlichen Tanzveranstaltungen und Tanzrestaurants relativ zur Bevölkerungsdichte in Finnland eine der höchsten in der Welt. Während der Wintersaison konzentriert sich das Geschäft auf die Skizentren Nordfinnlands, wo man heutzutage scherzhaft statt Sauna, Sisu, Sibelius sauna, suksi, seksi bemüht.
In ihrem Heimatland sind Finnen natürlich
mit dem Angebot der Dienstleistungsanbieter vertraut, in ihren Touristeninformationen
brauchen sie keine detaillierten Erklärungen. Meist genügen stichwortartige
Aufzählungen der Attraktionen und Aktivitäten. Zudem sind die
Anbieter omaa väkeä, sie genießen deshalb einen
großen Vorschuss an Vertrauen seitens des einheimischen Publikums.
Ein grundlegender Unterschied zwischen einheimischen und deutschsprachigen Touristen muss darin gesehen werden, dass die ersteren einen Querschnitt der gesamten Bevölkerung darstellen, während letztere eine ziemlich homogene Gruppe bilden, den gehobenen Einkommensschichten angehören und mit bestimmten Erwartungen nach Finnland kommen.
Grob gesehen kann man zwei Gruppen unterscheiden, Gruppenreisende und Individualreisende. Erstere haben keinen Einfluss auf den Ablauf des Programms, die meisten Punkte sind vom Veranstalter vorausgeplant. Allenfalls haben Teilnehmer begrenzte Zeit zum Bummeln und Einkaufen, Besuch von Museen usw. Individualtouristen werden oft erst in Finnland, am Flughafen, in den Häfen, in Hotels und bei Fremdenverkehrsbüros auf Broschüren stoßen. Material, das einzelne Orte und Sehenswürdigkeiten vorstellt, findet erst vor Ort seinen Leser. Umgekehrt ist es mit der Netzinformation, mit der macht man sich meistens vor Reiseantritt zu Hause oder am Arbeitsplatz vertraut. Während der Ferienreise haben nur wenige Touristen Zugang zu Computern.
Die ausländischen Touristen in Finnland sind sprachlich isoliert, weder verstehen sie, was die Menschen um sie herum sprechen noch können sie lesen, was an Werbung am Straßenrand stehen mag, noch verstehen sie Radio- oder Fernsehsendungen (Hiltunen unter 2.4). In dieser Situation kann eine deutschsprachige Informationsschrift auf volle und dankbare Aufmerksamkeit des Rezipienten rechnen. Der Grad der sprachlichen Isolation variiert je nach Touristentyp, Einzelpersonen ohne Bekannte in Finnland sind völlig ohne sprachliche Anknüpfpunkte, Gruppenreisende mit Fremdenführer spüren die Isolation am wenigsten. Der Bedarf der Teilnehmer von Gruppenreisen an schriftlicher Information scheint begrenzt. Broschüren, falls überhaupt wahrgenommen, werden als Andenken und Gedächtnisstütze mitgenommen, denn der Einzelne hat keinen Einfluss auf das Besuchsprogramm. Individualreisende dagegen sind ohne gedrucktes Informationsmaterial auf gut Glück unterwegs, es bleibt dem Zufall überlassen, wo sie übernachten und speisen, welche Kultureinrichtungen sie auffinden und kennen lernen.
Damit wäre der typische Rezipient gedruckter Broschüren identifiziert: der Individualtourist. Dazu zählen sowohl Geschäftsreisende, die ihren Aufenthalt mit einer Sightseeingtour verbinden, wie Urlaubsreisende. Deutschsprachige Finnlandtouristen kommen meist mit der Fähre und reisen im eigenen Auto, im Gegensatz zu Briten, Amerikanern, Japanern und Westeuropäern, die per Flug anreisen. Wer im eigenen Auto reist, kann auch abgelegene Ziele erreichen, was in der Touristeninformation berücksichtigt werden sollte.
Den Meinungsumfragen des MEK zufolge (MEK
A:87) sind die deutschsprachigen Finnlandbesucher, sowohl die tatsächlichen
als die potentiellen, im mittleren Alter und aus überdurchschnittlich
hohen Einkommens- und Bildungsschichten. Sie erwarten von ihrem Aufenthalt
vor allen Dingen Erholung und Naturnähe. Kleine Kinder werden selten
mitgeführt, denn Finnlandreisen sind relativ teuer. Finnlandferien
werden meist jahrelang geplant und immer wieder aufgeschoben, weil es ja
leichter zu erreichende und landschaftlich abwechslungsreichere Länder
gibt wie Norwegen und als interessanter eingeschätzte wie Schweden.
Wer nach Finnland kommt, kennt meist schon alle anderen wichtigen Ferienländer
und betrachtet natürlich das Serviceangebot Finnlands mit kritischem
Blick.
Ein wesentlicher Teil des einheimischen
Fremdenverkehrs geschieht im Rahmen von Kuraufenthalten. Viele Orte stellen
das "Bad" vor ihren Namen, wer keine heilenden Quellen hat, nennt sich
immerhin Luftkurort. Alternative Heilmethoden sind seit jeher eine Eigentümlichkeit
der Deutschen. Das bezeugen Namen wie Hahnemann (Homöopathie) und
Kneipp (Wasserkuren). Auch die auf Steiner zurückführbare Biodynamik
hat ihren Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum.
In Deutschland ist das Wandern in der Natur
seit der Wandervögel-Bewegung vom Anfang des Jahrhunderts eine viel
geübte Freizeitbeschäftigung, doch ist das Verhältnis der
Menschen zum Wald weniger eng, mehr romantisiert als in Finnland. Deutsche
Wälder sind zum größten Teil im Besitz der öffentlichen
Hand oder von Großgrundbesitzern, die Jagd das Privileg Weniger,
"fürstliche Freude", wie im Jägerchor der Oper "Freischütz"
gesungen wird. Im Gegensatz zu den Finnen waren ja die deutschen Bauern
noch vor zwei bis drei Jahrhunderten Leibeigene (in Preußen endete
die Bauernbefreiung erst 1850) und durften nicht jagen. Obwohl Deutschland
vor Finnland Europas größter Papiererzeuger ist und die deutsche
Forstwirtschaft in absoluten Zahlen der finnischen keineswegs nachsteht,
ist sie im öffentlichen Bewußtsein weit weniger präsent,
weil für die Bevölkerung von 80 Millionen nur ein marginaler
Arbeitgeber. Waldwanderungen führen in Deutschland entlang gut ausgeschilderter
Pfade praktisch von einem Ausflugslokal zum nächsten. Konfrontiert
mit der Einsamkeit der finnischen Natur geht es Ausländern wohl oft
wie den deutschen Soldaten während des Fortsetzungskrieges. Olavi
Paavolainen berichtet von einem karelischen Frontabschnitt, auf dem deutsche
Einheiten im Verein mit finnischen Truppen im August 1941 steckengeblieben
waren, während anderswo, mit rein finnischen Kräften, schon die
alte sowjetische Grenze überschritten worden war:
Wandern in Finnland bedeutet aus mitteleuropäischer
Sicht Wildmarkabenteuer und wird bewusst als Abenteuer vermarktet. Es scheint
mir deshalb ungeschickt, wenn in Übersetzungen finnischer Touristeninformationen
Wanderrouten in der Einöde von Kuusamo als "auch für die Kleinsten
der Familie" und Stromschnellenfahren als "für die ganze Familie"
verniedlicht werden.
Sie sind meistens identisch mit den Bestellern
der Ausgangstexte. Am eindeutigsten sieht man das bei Netzseiten, wo finnische,
schwedische und fremdsprachige Seiten sich von der gleichen Heimseite aus
erreichen lassen. Bei gedruckten Broschüren können sie identisch
sein mit deutschen Reiseveranstaltern. Diese werden aus dem Angebot der
deutschsprachigen Touristeninformationen die nach ihrer Einschätzung
besten und zugkräftigsten auswählen und verbreiten.
Hierbei kann es sich um Fachkräfte von Werbeagenturen oder Angestellte lokaler Fremdenverkehrsorganisationen handeln, oder die einzelnen Dienstleistungsbetriebe stellen die betreffenden Texte. Sie kennen die Erwartungen der finnischen Verbraucher und teilen deren touristische Gewohnheiten. Sie gehören zur gleichen Kulturgemeinschaft wie die Rezipienten, haben das gleiche Vor- und Weltwissen. Im Prinzip sind sie fähig, zweckmäßige und werbekräftige Touristeninformation für einheimische Verbraucher zu schaffen.
Wichtig ist jedoch im Zusammenhang dieser
Untersuchung das, was die Texter des Ausgangstextes (in der Regel) nicht
haben: Translatorschulung und Kenntnis der deutschen bzw. österreichischen
oder deutschschweizerischen Kultur. In der Regel fehlt ihnen wahrscheinlich
auch gute Kenntnis der deutschen Sprache. Aus diesen Gründen fehlt
ihnen jede Qualifikation, Touristeninformation für deutschsprachige
Finnlandtouristen zu entwerfen oder zu verfassen, weder auf Finnisch/Schwedisch
noch auf Deutsch.
Im obigen Zitat wird von einem Translationsmodell
ausgegangen, in dem bloße Umkodierung eines gegebenen Textes A in
die Wörter der Sprache Z nicht ausreicht, um ein gutes Translat zu
schaffen, auch nicht bei genauer Befolgung linguistischer und grammatischer
Regeln. Vom Translator muss man erwarten können, dass er die Botschaft
des Auftraggebers erkennt und einen zielsprachlichen Botschaftsträger
schafft, der diese Botschaft dem Rezipienten in seiner Sprache und Kultur
zugänglich macht.
Der Translator ist Außenstehender im
Kommunikationsprozess zwischen Translationsinitiator und Rezipient. Trotz
seiner Expertendistanz vermag es der Translator aufgrund seiner Ausbildung,
effizienter als Laien zu arbeiten. (Holz-Mänttäri 1984:63f)
Falls Translatoren die Zielsprache als
Muttersprache beherrschen, wissen sie zumeist, was es heißt, zum
ersten Mal in Finnland zu sein. Aus den eigenen Erfahrungen mit dem Anfangskontakt
zur finnischen Kultur können sie beurteilen, welche Information wie
appliziert werden sollte, um hilfreich zu sein. Es wäre auch nützlich,
wenn Translatoren über Erfahrung als Fremdenführer verfügten.
In direktem Kontakt zu ausländischen Besuchern merkt man, was welche
Zielgruppe interessiert und welches Vorwissen und welche Vorurteile sie
mitbringt. Deutsche sind naturgemäß mehr als Schweizer interessiert
an Vorgängen aus dem Zweiten Weltkrieg und der deutsch-finnischen
Waffenbrüderschaft mit anschließendem finnisch-deutschen Lapplandkrieg.
Amerikaner haben zur europäischen Geschichte kaum ein Verhältnis.
Ziel der Touristeninformation ist es im Allgemeinen
nicht, den ausländischen Touristen mit den Eigenheiten und dem Stil
des finnischen Ausgangstextes bekannt zu machen, deshalb darf und soll
sich der Translator vom Einfluss des Ausgangstextes so weit wie möglich
befreien.
Der Zieltext sollte stilistisch den etablierten
Normen der entsprechenden Textsorte in der Zielsprache entsprechen. Grafisch
und sprachlich soll er die Gewohnheiten und Erwartungen des Rezipienten
nicht enttäuschen. Das Erzeugnis muss mit gleichartigen anderer Dienstleistungsanbieter
konkurrieren können (Haapaniemi und Lukander 1991:14). Zu typografischen
und Fragen des Layouts Schopp (1996)(6.1). Nötige Änderungen,
Erweiterungen und Kürzungen sollten mit dem Besteller abgesprochen
werden.
Eine mehr traditionelle Haltung nimmt Nord
ein, die ja vom Translator generell Loyalität gegenüber dem Autor
des AT voraussetzt:
Konkret auf das Gebiet Touristeninformation
bezogen hieße es, dass sich der Translator die Ziele des Auftraggebers
zu Eigen macht (Dienstleistungen verkaufen und den Kundenkreis vergrößern)
und den vorhandenen Ausgangstext kritisch darauf prüft, wieweit er
dem zu erreichenden Ziel dienlich ist, an welchen Stellen er spezifisch
einheimische Touristen anspricht und an welchen Stellen der ausländische
Tourist mehr Information braucht.
Gewissermaßen ist ja der Ausgangstext
der Touristeninformation für Experten geschrieben, denn Finnen sind
ja Experten für Finnland und finnische Kultur. Den Inhalt soll der
Translator Laien zugängig machen, die von der Materie nichts wissen.
Je größer der kulturelle Abstand, desto mehr muss der Translator
bearbeitend wirken. Es wird vom Translator beim finnisch-deutschen Arbeiten
mehr Kulturtransferleistung verlangt als beim finnisch-schwedischen, egal
ob der Zieltext für Finnlandschweden oder Reichsschweden bestimmt
ist.
Dies ist der Grund, warum die Reißsche
Texttypologie hier nicht greifen kann, denn anders als zum Beispiel bei
Bedienungsanleitungen für technische Geräte, wo man voraussetzen
kann, dass die Verbraucher aller Industrieländer den gleichen Grad
von technischer Kompetenz haben, kann bei Touristeninformation eine Invarianz
des Informationsinhalts nicht aufrechterhalten werden.
Die finnischsprachige Touristeninformation als Ausgangstext reicht allein nicht aus, um daraus eine funktionale deutschsprachige zu schaffen. Wünschenswert wäre Ortskenntnis der Translatoren und ein ungestörter Informationsfluss zwischen allen Beteiligten.
Der Translator einer Broschüre über die Ortschaft X sollte selbständig herauszufinden versuchen, was die ausländischen Reisenden dort besonders interessieren könnte und worüber sie infolgedessen mehr und detailliertere Information rezipieren wollen als ein einheimischer Tourist.
Ein Beispiel findet sich bei Holz-Mänttäri (1984:157) aus der Glashütte Nuuttajärvi, die für deutschsprachige Besucher in ihren Vorstellungstext den Hinweis aufnahm, dass das Glasmuseum sich in der ehemaligen Brauerei der ursprüglich aus Deutschland eingewanderten Glasbläsermeister befindet.
Das Translat wäre stellenweise knapper, stellenweise ausführlicher als der Ausgangstext. (2.2) Kaum zu bestreiten, dass ein russischer Besucher von Tampere mehr über das Lenin-Museum lesen will als ein Einheimischer, dem vielleicht die Existenz des Museums peinlich ist.
Ziel des Translats müsste auch sein, Missverständnissen und möglichem Fehlverhalten entgegenzuwirken. Erika Mustermann, die am Abend im Feriendorf ankommt und für den nächsten Morgen die Rauchsauna reservieren möchte, wird ihre Unkenntnis zu fühlen bekommen. Die Erklärungen des Personals könnte sie als Ausflüchte interpretieren.
Schließlich wäre der vom Besteller gelieferte Ausgangstext nur mehr eines der Objekte der Recherche des Zieltextverfassers. Natürlich sollte der Translator in beiden Kulturen und Sprachen möglichst gut zu Hause sein und auf jeden Fall die Zielsprache wie eine Muttersprache beherrschen. Er braucht ein Bewusstsein für das unterschiedliche kommunikative Verhalten beider Kulturen. Obwohl sich Touristeninformation an Jedermann richtet, muss von Fall zu Fall erkannt werden, wann der Bereich einzelner Fachsprachen erreicht wird und auf fachgerechte Terminologie geachtet werden muss.
Es stellt sich natürlich die Frage,
ob Translatoren im Einzelnen bereit sind, den Schritt vom Übersetzer
von Texten zum Kommunikationsexperten zu tun. Wußler (1998:246) meint,
der Experte in Holz-Mänttäris Modell sei heute noch ein Idealfall
und ein Wandel nur langfristig zu erwarten.
Im Fall der Touristeninformation umfasst
der Begriff Bedarfsträger alle diejenigen, die am Zustandekommen z.B.
einer Broschüre initiativ tätig sind. Falls diese Anzeigen enthält,
ist die Zahl der einzelnen Bedarfsträger groß. In anderen Fällen
lässt sich der Bedarfsträger mit einer Organisation identifizieren,
wie der Direktion eines Museums. Für die Rückkopplung zwischen
Translator, Besteller und Bedarfsträger ist es wichtig zu wissen,
wer der Ansprechpartner für Rückfragen ist. Bedarf an der Herstellung
von Touristeninformation entsteht aus dem Wunsch, die Einnahmen zu erhöhen.
Zugleich spart sie Kosten, denn ohne schriftliche Touristeninformation
müssten mehr Hilfskräfte eingesetzt werden, um auf Fragen der
Besucher zu antworten.
In der Zeichnung auf der diesem Kapitel
folgenden Seite habe ich versucht, die Beziehungen zwischen Texten (viereckige
Kästen) und Personen (Kreise) darzustellen. Wie aus der Zeichnung
hervorgeht, benutzt der Translator als deutsche Redaktion mehr Bezugstexte
als der Texter der finnischen Ausgabe, denn zu den finnischen Quellen kommen
noch die deutschsprachigen.
Den Kern der Touristeninformation bilden verschiedene Daten, die an die Verbraucher weitergegeben werden sollen.
Der Auftraggeber hat die Wahl, Translatoren und finnische Textproduzenten als gleichberechtigt einzustufen, indem er an beide die gleichen Daten weitergibt, oder Translatoren als den Textproduzenten nachgestellt zu behandeln, indem ihnen ein fertiger AT übermittelt wird. Von vielen Faktoren hängt es ab, ob Translatoren Translate oder Bearbeitungen bzw. eigene Texte liefern. Zu diesen Faktoren gehören das Selbstverständnis der Translatoren, das Translator-Bild beim Auftraggeber, die Ressourcen des Auftraggebers und wohl auch die Motivation des Auftraggebers, wie eng sein wirtschaftliches Interesse mit dem Erfolg oder Misserfolg fremdsprachiger Touristeninformation verknüpft ist, wen er als seinen Arbeitgeber ansieht, das Fremdenverkehrsamt etwa oder die Touristen selbst.
Von diesen Faktoren hängt es ab, ob
der an die Translatoren übermittelte AT als bindend betrachtet wird
oder als Träger von Information, von denen Layout und Daten als Vorschlag
für Zieltextgestaltung betrachtet werden sollen. Da oft der Hauptteil
der Auflage von finnischsprachigen Verbrauchern gelesen wird, ist es verständlich,
dass Auftraggeber das Layout nur einmal anfertigen lassen. Doch weil sich
Text und Bild ergänzen sollen, schränkt das vorgegebene Layout
die Möglichkeiten des Textproduzenten stark ein.

Erfahrungen und Erwartungen sprechen
dagegen, dass internationale Werbekampagnen in allen Zielländern optimal
sein könnten. Ausnahmen bestätigen die Regel, so z. B. kann bei
Jugendlichen weltweit mit englischsprachigen Werbungen für trendige
Produkte geworben werden. Umgekehrt sind Fälle bekannt geworden, wo
die Mißachtung eines Kulturumfelds zum Mißlingen der Werbung
führte und dem Markenprodukt schlechte Publizität eintrug. In
guter Erinnerung vom Sommer 1998 ist der Fall des Taschentelefonherstellers,
für dessen Produkte auf Deutsch mit dem Slogan geworben wurde: "Jedem
das Seine!" Jüdische Proteste wiesen darauf hin, dass der Slogan über
dem Eingang eines bekannten deutschen Konzentrationslagers gestanden hatte.
Der Hersteller mußte sich öffentlich entschuldigen.
Dreike und Bracke (1990:62) führen den Fall einer Benetton-Plakatkampgne an. Nirgendwo hatte das Bild einer dunkelhäutigen Frau, die einem hellhäutigen Baby die Brust gibt, negative Reaktionen erregt, außer in den USA, wo es die Verbraucher an die Zeit der Sklaverei erinnerte.
Um solche Pannen zu vermeiden werden zielländische Agenturen mit der Adaption vorgeplanter Kampagnen in deren eigene Kultur beauftragt. Beata Dreike (Dreike und Bracke 1990) analysierte die deutschen und niederländischen Zeitschriftenanzeigen eines Kosmetikherstellers für seine Tagescreme. Alles in allem erschien die deutsche Version in ihrer Aussage übertriebener und angeberischer als die niederländische, obwohl viele Komponenten der Anzeigen und werbesprachliche Techniken wie Worthäufung übereinstimmten. Im deutschen Text sprach man von "Welt-Premiere", im niederländischen nur von "neu". Ein charakteristisches Element der Werbesprache sind Wortbildungen, die in keinem Wörterbuch zu finden sind. Man spricht von Werte-Bildungen. Beispiel: "Aktivcreme".
Obwohl man es im Falle der Touristeninformation
kaum je mit multinationalen Werbefeldzügen zu tun haben wird, sollten
Übersetzer auch von Hotel- und Gaststättenwerbung sich der Problematik
bewußt sein und ihre Fertigkeit entwickeln, effektive Werbungen in
der Zielsprache zu entwerfen.
Wer für ein Produkt wirbt, will dieses verkaufen. Auch die touristischen Einrichtungen wollen Geld verdienen. Trotzdem sind die Unterschiede zur normalen Produktwerbung offensichtlich. Wer für Hautcremes oder Waschmittel wirbt, rechnet nicht damit, dass enttäuschte Verbraucher ihr Geld zurückverlangen, wenn sie feststellen, dass die Falten keineswegs verschwinden und die Bettlaken nicht weißer als weiß werden. Die Ausgabe für das neue Produkt war gering, die Werbebotschaft wird von vornherein nicht ernstgenommen, und der Käufer erwartet von einem Produkt nur, dass es nicht schlechter als andere, gleich teure ist. Eine der wichtigsten Werbeaussagen ist bei Produkten das Wort "neu". Sogar Marktführer sehen sich versucht, hin und wieder altbewährte Produkte zu erneuern, entweder vom Inhalt oder von der Verpackung her (Beispiel Coca-Cola und Pepsi). Niemand wird für ein Auto werben mit den Worten: "Seit zehn Jahren technisch unverändert", sondern jedes Jahr muss ein neues Modell her.
Werbung für touristische Einrichtungen geht anders vor. Falsche Versprechungen in Reiseprospekten führen regelmäßig zu Schadenersatzforderungen enttäuschter Reisender, und "neu" ist im allgemeinen keine Empfehlung für ein Restaurant oder ein Hotel. Eher will der Tourist "alteingesessene" Häuser kennenlernen, die allenfalls pietätvoll renoviert sind. Ziel der Werbung in Fremdenverkehrsbroschüren ist es, dem Reisenden die Eigenarten der verschiedenen Einrichtungen zu verdeutlichen, damit er das Richtige findet für seinen Geschmack und Geldbeutel und nicht enttäuscht wird. Eine gute Anzeige spiegelt in allen ihren Einzelheiten den Stil und die Individualität der Einrichtung wieder, für die geworben wird. Üblicherweise verwenden Anzeigen für ostasiatische Resaurants Buchstabentypen, die auf den ersten Blick wie chinesische oder thailändische Zeichen aussehen. Solche grafischen Signale ersetzen ausführliche Erklärungen im Text.
Vielfach macht die Anzeige auch Aussagen
über die Preisklasse der Einrichtung, bei Hotels entweder durch die
Anzahl der Sternchen oder den Preis der Übernachtung. Bei Restaurants
sind Preisangaben noch selten.
Zu den folgenden Aussagen fehlen offensichtlich kontrastive Untersuchungen. Es handelt sich um Schlussfolgerungen aus dem Betrachten finnischer und deutscher Fernsehwerbung und sie sollen hier nur als Arbeitshypothesen dienen, die sich mittels Analyse der Touristeninformation bestätigen oder verwerfen lassen müssten.
Der kommunikativen Grundhaltung der Finnen gemäß (Stichwort negative Höflichkeit (4.2.1.1.1)) kann man erwarten, dass finnische Werbung relativ zurückhaltend ist. Statt zu überreden oder große Versprechungen zu machen begnügt sie sich, Informationen zu vermitteln. Es genügt, wenn der Verbraucher die nötigen Informationen hat, er kann selbst entscheiden, welchen Gebrauch er davon macht. Relativ beliebt ist der Gebrauch von Humor. Statt etwas über das Produkt zu sagen, wird der Verbraucher erheitert in der Erwartung, dass die positiven Gefühle mit dem Produkt verbunden werden.
Auffallend oft zielt Werbung in Finnland auf den Typ des Verbrauchers, den man juntti nennen möchte. (Eine Analyse der Bedeutungsinhalte von juntti würde wohl das Wesen des finnischen Menschen und seine Selbsteinschätzung illustrieren). Die Strategie solcher Werbung ist, das Produkt als akzeptabel für den Durchschnittsverbraucher darzustellen, dass man es kaufen und benutzen kann ohne dabei aus der Rolle zu fallen. Ein erfolgreiches Beispiel dieser Strategie sehe ich in den TV-Spots für die Produkte der schwedischen Arla-Molkerei. Deren Botschaft ist, dass die Schweden keineswegs feinere Leute sind, sondern im Grunde auch juntti.
Ihrer Selbsteinschätzung nach sind die
Finnen schlecht im Marketing, besonders was das Verkaufen ihrer Produkte
im Ausland betrifft. Schon oben war Gelegenheit, auf den Misserfolg finnischer
Sauna-Exporteure im Vergleich mit ihren schwedischen Kollegen anzuspielen.
Neuerdings ist man sich bewusst geworden, dass trotz der hohen Dichte finnischer
Internet-Anschlüsse wieder einmal die Schweden das Rennen machen bei
der kommerziellen Nutzung der Netze, im Einkaufen per Mausklick. Schwedische
Buch- und CD-Versender verkaufen mehr finnische Bücher und CDs als
ihre finnischen Konkurrenten.
Als kommunikatives Ideal der Deutschen
wird allgemein die Verbindlichkeit genannt. Im Verkaufsgespräch soll
dem Gegenüber das Gefühl vermittelt werden, dass nicht nur die
zur Sprache stehende Sache sondern auch die Person des Partners von Interesse
und Wert ist. Vor allem soll das positive Gesicht des Partners gewahrt
bleiben.
Humor wird in deutscher Werbung augenscheinlich
seltener eingesetzt als in Finnland. Lieber werden die guten Eigenschaften
des Produkts herausgestellt und suggeriert, dass der Erwerb desselben den
Status des Käufers verbessert. Statt darauf zu vertrauen, dass der
Konsument aus den Informationen selbständig die richtigen Schlüsse
ziehen wird, will ihm deutsche Werbung die Entscheidung abnehmen.
Aus der Analyse der Unterschiede zwischen finnischen und deutschen Rezipienten schließe ich, dass den Bedürfnissen und dem Geschmack von Finnen gemäße Touristeninformation für deutsche Besucher nicht optimal sein kann.
Ein Teil der gedruckten Touristeninformation ist im Heimatland der Reisenden erhältlich, bei Reisebüros und direkt von der Finnischen Zentrale für Tourismus. Ausländische Reiseveranstalter benutzen dieses Material, um den Kunden mehr Information zukommen zu lassen, als es in ihren Katalogen möglich ist.
Falls es Aufgabe der Touristeninformation ist, Finnland und seine einzelnen Gebiete zu verkaufen, falls also Einflussnahme auf die Kaufentscheidung von Verbrauchern das Ziel ist, muss das Material anders beschaffen sein als für den Zweck der Information von Verbrauchern, die das Land und den Ort schon gekauft haben, indem sie sich dorthin begeben haben. Im ersten Fall sollte die Werbefunktion im Vordergrund stehen, im zweiten Fall die informative Funktion. Falls es nötig ist, beide Funktionen zu vereinen (um Geld zu sparen), würden die Umschlagseiten und der vordere Teil der Broschüre darauf ausgerichtet sein, Interesse zu wecken, die Leser zu fesseln, in ihnen den Wunsch zu wecken, nach Finnland zu reisen. Der informative Teil stünde hinten im Heft.
Wenn man weiß, dass Deutsche in Finnland vor allem Ruhe und Entspannung suchen, sollte die Touristeninformation sich auf Objekte konzentrieren, die diesem Wunsch entgegenkommen. Dies hängt natürlich von den Dienstleistungsanbietern ab, die in Zusammenarbeit mit deutschen Reiseveranstaltern geeignete Angebote maßschneidern müssen. Ansätze dazu sind zu verzeichnen, so die Reise-Akademie von DERtour im November 1998, die in Helsinki und Kittilä veranstaltet wurde (Helsingin Sanomat 2.12.1998 D1/D3).
Ein Ziel der Touristeninformation sollte es sein, Touristen ein Gefühl von zu-Hause-sein zu vermitteln (2.1). Für deutsche Besucher sollten demnach bei Gelegenheit die Gemeinsamkeiten und die geschichtlichen Berührungspunkte der beiden Völker herausgestellt werden, wie im Beispiel von Nuuttajärvi (Holz-Mänttäri 1984:157, (4.2.5)). Auch die Sprechereinstellung im Text könnte so gewählt werden, dass der ausländische Leser Vertrauen fasst. Dies wird erreicht, wenn das touristische Angebot aus der Perspektive des Besuchers dargestellt wird, wie es in den Reiseberichten der Zeitungsfeuilletons und in vielen kommerziellen Reiseführern üblich ist. Das bedeutet völlige Anpassung an die Gewohnheiten der Zielgruppe, stilistisch und kommunikativ. Dagegen lässt sich einwenden, dass der Tourist, der nach Finnland kommt, eher etwas Neues kennen lernen will, und vielleicht Broschüren sehen möchte, die nach finnischen Design-Gesichtspunkten erstellt sind und von finnischer Zurückhaltung zeugen. Dabei sehe ich die Gefahr darin, dass man die Mehrheit der Zielgruppe unangesprochen lässt, sogar zurückstößt. Translatorisch ist die sprachlich-stilistische Darstellung ausländischer Mentalitäten ein enormes Problem, schließlich gibt es kein Vorbild, wie sich z.B. die geistige Haltung von Kareliern auf Deutsch wiedergeben ließe. Man könnte den Besucher im Text duzen, um ihn so sprachlich-stilistisch mit Finnlands Kultur vertraut zu machen. Allen Erfahrungen gemäß wirkt das "Du" Fremden gegenüber im Deutschen herabsetzend und ist keine ernsthafte Alternative zum "Sie".
Der Text sollte leicht lesbar und übersichtlich angeordnet sein. Die Rezeptionssituation hat Einfluss auf das Verständnis: oft wird Touristeninformation eilig auf dem Beifahrersitz durchflogen. Wenn nur ein Tag zur Verfügung steht, um einen Ort kennen zu lernen, hat man nicht Zeit und Lust, lange nach relevanter Information zu suchen.
Als Kriterium für alle Entscheidungen
gilt die Warnung von Haapaniemi und Lukander: "Matkailumarkat menetetään
muualle". Konkurrenten sind nicht nur die anderen Dienstleistungsanbieter
innerhalb der selben Touristeninformation, sondern ebenso die aus anderen
Gebieten Finnlands und Skandinaviens. Der Augenblick der Aufmerksamkeit,
den die Leser dem Angebot schenken, muss optimal genutzt werden und sollte
so oft wie möglich zu Kontaktaufnahme und Buchung führen. Wird
an einer Stelle z.B. das Interesse an einer Kanuwanderung geweckt, sollten
gleich danach Namen, Adressen und Telefonnummern von entsprechenden Anbietern
stehen. Ausländer wissen nicht unbedingt, welche finnischen Vornamen
männlich oder weiblich sind, deshalb ist es empfehlenswert, Herr oder
Frau voranzustellen.
Jürgen Schopp (1996) hat viel Wissenswertes zu Kulturspezifizität von Typografie und Layoutgestaltung Finnland/Deutschland herausgefunden. Neben den bekannten Sorgenkindern wie ss und ß (88) und dem Fehlen deutscher Anführungszeichen in finnischen Drucksachen (89) moniert er die unprofessionell wirkende Unterstreichung zur Hervorhebung (94) [die sich unter Einfluss der Links in Netzseiten leider wohl immer mehr durchsetzen wird] und den Brauch, aus Kostengründen in verschiedensprachigen Ausgaben eines Druckwerks das gleiche Layout zu verwenden (94). Farben können kulturspezifischen Symbolwert haben [sini-valkoinen ist auch die Flagge Israels und damit Arabern verhasst]. Schopp äußert sich kritisch über die finnische Layoutkultur, deren Produkte auf Deutsche unfertig, "provinziell und lustlos" wirken können. Deshalb fordert er, dass Translatoren über volle typografische Berufskompetenz verfügen sollten (100). Zumindest müssen Übersetzer ihre Auftraggeber auf Fehlerquellen aufmerksam machen, "die sich aus der kultur- oder autorenspezifischen Verwendung typografischer Gestaltungsmittel ergeben" (98). Schon Holz-Mänttäri (1984:115) hat auf die Fehlerquellen hingewiesen, die sich ergeben, wenn Translatoren ungenügenden Einfluss auf das Layout haben.
Moderne Translatoren sind jedoch keine Einzelpersonen,
sondern arbeiten in Teams, die je nach Auftrag und Sprachenpaar ad hoc
im Rahmen von Übersetzungsbüros gebildet werden und dafür
sorgen, dass Native Speakers und professionelle Layouter hinzugezogen
werden. Es scheint nur eine Frage der Zeit, wann die Entwicklung hin zur
Multimedialität die Translatoren zwingen wird, nach Textverarbeitungs-
und Seitenlayoutprogrammen auch die Bildbearbeitung zu erlernen.
Die Forderung nach zielsprachlicher und zielkultureller
Kohärenz schließt zusätzlich zu den oben angeführten
Punkten ein, dass Elemente der fremden Kultur so aufgearbeitet sind, dass
sie vom zielsprachlichen Rezipienten in sein kognitives Koordinatensystem
aufnehmbar und einordbar sind. Dies setzt von Translatoren genaue Kenntnis
dieser Elemente sowie deren nahtlose Umsetzung und zielsprachliche Repräsentation
voraus.
Über diese Mindestanforderung hinausgehend
soll nicht irgendein Verständnis erzielt werden, sondern positives
Interesse im Sinne des Auftraggebers. Will ich Deutschen klarmachen, was
mämmi
ist, so reicht der Satz "eine dunkelbraune Masse, die in Pappbehältern
verkauft wird" nicht, positives Interesse zu erregen. Mit dieser Information
versehen wird der Besucher das Produkt in Einzelhandelsgeschäften
identifizieren können, aber ob er es kaufen wird? Stelle ich jedoch
die Verbindung zum Osterfasten her und damit zum orthodoxen Brauchtum und
erwähne, dass zur Herstellung Roggenmehl verwendet wird und mämmi
praktisch fettfrei ist, so könnte der gesundheitsbewusste Kunde das
Produkt positiv einschätzen.
Hindernisse auf dem Wege zur Kohärenz
sind u.a. Interferenz und das Vertrauen auf Wörterbücher.
In Vannerem und Snell-Hornby (1986) wird
dieses Konzept und seine Bedeutung für die Translation vorgestellt.
Mit einzelnen sprachlichen Einheiten verbindet sich im Bewusstsein des
Muttersprachlers spezifische erlebte Situationen. Diese Situation,
die meist sehr komplex ist, bezeichnet man als scene, dessen sprachliche
Repräsentation als frame. Somit ist die frame savusauna
im Bewusssein des Finnen mit den konkreten Erinnerungen an diese Einrichtung,
mit der scene savusauna verknüpft, während für Deutschsprachige
die frame Rauchsauna keine oder jedenfalls keine adäquaten
scenes besitzt (9.2).
In Schröder (1995) wird die Lakunen-Theorie
(engl. lacunaology) erläutert, die von sowjetischen Ethno-Psycholinguisten
(Sorokin) entwickelt und von Astrid Ertelt-Vieth in die Germanistik eingeführt
wurde. Diese Theorie ermöglicht eine detaillierte Klassifikation von
kulturspezifischen Texteinheiten, angefangen von kulturspezifischen Textsorten
(deutsche Heiratsanzeigen (11)) bis zu einzelnen Lexemen.
Lakune (lat./engl. lacuna für
Loch, Vertiefung, Senkung) ist der Fachbegriff für Lücken im
Sprachsystem. Der amerikanische Linguist Hale schreibt von gaps
u.a. in der Zahlen- und Farbenkennzeichnung von australischen Ureinwohnern
im Vergleich zum Englischen (12). Doch dürfen Lakunen nicht mit lexikalischen
Lücken gleichgesetzt werden, vielmehr umfasst das Lakunen-Konzept
neben Sprach-Lakunen (lexikalische, grammatikalische und stilistische)
auch kulturelle Lakunen (ethnografische, psychologische, verhaltensmäßige
u.a.).